Xi’an & die Terrakotta Armee

Xi’an war früher der Ausgangsort der Seidenstraße, die das Mittelmeer mit Ostasien verband, und hatte deshalb schon eine große Bedeutung in China und im ostasiatischen Raum. Auch heute noch strömen die Menschen im Scharen in die Stadt, allerdings sind es heute (vor allem chinesische) Touristen. Für mich ist es nach Peking und Tianjin die dritte Millionenstadt in China.

Erster Regentag

In der Hauptstadt der Provinz Shaanxi, die mit knapp 8 Millionen Einwohnern für chinesische Verhältnisse nicht wirklich eine Megametropole ist, verbringe ich meinen ersten Regentag seit Reisebeginn zwei Monate zuvor.

Auch als Besucher hat man in Xi’an nicht das Gefühl, in einen Moloch geraten zu sein, denn meist bewegt man sich innerhalb der alten und imposanten Stadtmauern und bemerkt die wahren Ausmaße der Stadt gar nicht wirklich.

Innerhalb der Mauern gibt es eigentlich nur zwei Attraktionen – die für einige alte chinesische Städte charakteristischen Drum- und Belltowers (welche früher durch Trommelschläge das abendliche Hochziehen und morgens durch Glockengeläut das Runterlassen der Zugbrücken vor den Toren der Stadt signalisierten) und das Muslimische Viertel. Während die gewaltigen Türme „nur“ schön anzusehen sind, ist das Muslimische Viertel rund um die Uhr ein einziger Ameisenhaufen mit leckerem Essen und buntem Touri-Schnickschnack. Mindestens einmal am Tag laufe ich durch die vollen Straßen und versuche, zu erkennen, ob ich die verschiedenen Delikatessen gefahrlos essen kann, oder ob Innereien, Schweine- oder Hühnerfüße oder sonstige für Westler nicht ganz so appetitliche Zutaten verwendet wurden.

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Ansonsten ist Xi’an wie andere chinesische Städte auch – immer viel Verkehr, viele Menschen, viele Geschäfte und zahllose McDonalds und KFCs. Überhaupt habe ich noch in keinem Land so viele Shopping Malls und Fast-Food Ketten gesehen. Nach einigen Tagen reicht das nicht mehr, um einen aus dem Hostel zu locken. Apropos Hostel: die Hostels in Xi’an sind bislang auf meiner Reise unübertroffen sauber, luxuriös und schön gestaltet. Für knapp 5€ bekommt man hier Zimmer, die man sonst in Mittelklassehotels erwarten würde, mit Schreibtischen, Wasserkocher und Telefon im Zimmer.

Überfall, faule Polizisten und Ellbogenmentalität

Als ich eines Abends die Straße entlang schlendere höre ich hinter mir plötzlich Geschrei und sehe beim Umdrehen ein auf dem Boden liegendes Mädchen und einen davon rennenden Mann mit Handtasche. Reflexartig renne ich ihm im Slalom um die Fußgänger hinterher, verliere ihn aber an der nächsten Ecke, wo er spurlos verschwunden ist. Jemand muss am Straßenrand in einem Auto auf ihn gewartet haben. Als ich zu dem Mädchen zurück kehre sehe ich, dass sie am Bein blutet und sie gibt mir Zeichen zu verstehen, dass der Mann sie mit einem Messer bedroht und dann verletzt hat. Passanten rufen die Polizei und wir warten volle 15 Minuten, bis endlich jemand auftaucht. Wir steigen in den Streifenwagen und fahren ca. 200m bis zur nächsten Polizeistation. Wie kann man sich als Polizist so lange Zeit lassen, um zum Ort eines Überfalls zu kommen? Auf der Polizeistation wächst mein Entsetzen über die Unfähigkeit und Teilnahmslosigkeit der chinesischen Polizisten immer mehr, als die Polizisten anfangen, laut auf das blutende und weinende Mädchen einzureden, aber sich nicht um die Wunde und die Schmerzen kümmern. Nach 20 Minuten erst fährt uns jemand zu einem nahe gelegenen Krankenhaus, wo zu meinem Erstaunen auch der Arzt und die Krankenschwestern wenig Mitgefühl zeigen oder tröstende Worte für das aufgelöste Mädchen finden.

Ich kann mir das alles nur dadurch erklären, dass das Schicksal einzelner Menschen im übervölkerten China einfach nicht so viel zählt, wie für uns Westler. Auch ansonsten habe ich insgesamt stark den Eindruck, dass das angeblich kommunistisch geprägte China vor allem durch eine ausgeprägte Ellbogenmentalität auffällt, in der niemand auf seine Mitmenschen Acht gibt. Tatsächlich scheint jeder nur auf sein eigenes Wohl bedacht, einen Gemeinschaftssinn gibt hier nicht wirklich.

Enttäuschende Terrakotta Armee

Der wahre Grund für die großen Touristenströme nach Xi’an sind die nahe gelegenen Terrakotta Krieger, die erst 1974 entdeckt wurden und vom ersten Kaiser Chinas, Qín Shihuángdí, vor mehr als 2200 Jahren in Auftrag gegeben wurden. Die lebensgroßen und -echten Tonsoldaten sollten den Kaiser in seiner Grabkammer auch nach seinem Tod beschützen.

Die Terrakotta Armee zählt zu den weltweit bekanntesten Touristenattraktionen und es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon von ihr gehört hat. Nachdem ich schon die Verbotene Stadt in Peking aufgrund der erdrückenden Menschenmassen während der nationalen Feiertage ausgelassen habe, kann ich mir die Tonsoldaten nicht entgehen lassen.

Bei der einige Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Ausgrabungsstädte angekommen stehe ich vor der Wahl – entweder ich nehme für einen saftigen Aufpreis auf die ohnehin China-üblichen hohen Eintrittsgebühren eine Seilbahn vom Ticketschalter zum eigentlichen Eingang, oder ich gehe den Weg dorthin zu Fuß. Der von vielen chinesischen Touristen gefürchtete Fußmarsch stellt sich dann eher als Spießroutenlauf durch zahllose Souvenirstände heraus.

Insgesamt wurde ich dann von der Terrakotta Armee eher enttäuscht – viel mehr als einige aufgereihte Soldaten und zahllose Hinterköpfe und Kameradisplays sieht man nicht. Die Hallen sind übervoll und man muss sich einen Platz am Geländer der Aussichtsplattform erkämpfen. Auch das große Museum fesselt mich nicht – die temporäre Ausstellung zur Römischen Geschichte ist besser, als der Part über die Terrakotta Armee.

Irgendwie packt mich dieser Touristenmagnet weniger, als ich es mir gewünscht hätte. Die Faszination jahrtausendealter Ausstellungsstücke will nicht recht auf mich übergehen. Ich schiebe es auf die lauten, nervigen Touristengruppen rings um mich herum und fahre desillusioniert zurück nach Xi’an. Vielleicht habe ich aufgrund des großen Hypes und Medienrummels um die Attraktion auch zu viel erwartet. Wieder einmal zeigt sich, dass keine Erwartungen zu haben die bessere Vorbereitung ist.

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