Ulan Bator – im Reich Dschingis Khans

Mein nächstes Reiseziel nach Russland ist die Hauptstadt der Mongolei, ein Land, von dem ich bislang nur eine sehr vage Vorstellung hatte. Ulan Bator, oder kurz UB ist mit 1,2 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Mongolei, beherbergt ein Drittel aller Mongolen und hält einen Kälterekord: keine Hauptstadt verzeichnet mit -1.3°C Jahresmittel niedrigere Temperaturen. Daneben hält UB noch einen weiteren Rekord: ursprünglich als mobile Nomadenstadt gegründet, ist die Stadt in ihrer mehr als 350-jährigen Geschichte bereits mindestens 25 mal umgezogen. Grund genug, um der Stadt mit dem martialisch klingenden Namen einen Besuch abzustatten!

Der Grenzübertritt von Russland in die Mongolei ist unkompliziert, wenn auch etwas zeitaufwändig, weil man das gesamte Gepäck aus dem Bus in das Zollgebäude schleppen und dort scannen lassen muss – und zwar zweimal, auf jeder Seite einmal. Grenzer gehören ja selten zur angenehmen und umgänglichen Sorte Mensch, die man gerne um sich hat, aber russische Grenzer können geradezu angsteinflößend sein. Wie froh bin ich, als ich mich auf mongolischer Seite der Grenze von höflichen und freundlichen Menschen umgeben sehe. Hier merke ich, wie mich die zumindest auf den ersten Blick so wirkende Kälte der Russen auf der Straße zunehmend  gestört hat.

Als mich die mongolischen Grenzer ohne Probleme und vor allem ohne Visum einreisen lassen, bin ich erst einmal sehr erleichtert – ich war mir nicht sicher, ob sich die erst seit wenigen Tagen gültigen, neuen Visabestimmungen für Deutsche (also das Wegfallen der Visumspflicht) bei allen Grenzposten herum gesprochen haben. Haben sie aber.

Schon die Busfahrt von der russisch-mongolischen Grenze nach Ulan Bator gibt einen ersten grandiosen Eindruck von der Mongolei, der einen fesselt und einen mit großen Augen an die Fensterscheibe zieht. Schlagartig, sonderbarerweise genau auf Höhe des Grenzübertritts, ändert sich die Landschaft und man ist angekommen in einer hügeligen, grünen Wiesen- Steppenlandschaft, nur gelegentlich unterbrochen von nebeligen Wäldern und schroffen Felsformationen. Nach kurzer Zeit sehe ich auch die ersten Jurten – es ist alles wie im Bilderbuch und übertrifft meine Erwartungen um Längen.

Ulan Bator wird von vielen Reisenden und Reiseführern als hässliche, wuchernde, dreckige Stadt beschrieben, der man am liebsten schnell wieder entfliehen möchte. Dieses Bild bestätigt sich für mich nur in den Vororten; das Zentrum hingegen ist sauber, beinahe schön und es lässt sich hier gut aushalten. In UB ist Dschingis Khan noch lebendig und groß verehrt. Die gesamte Stadt, das gesamte Land, scheint sich nach Zerfall der Sowjetunion auf den großen Eroberer zu berufen und die Mongolen lassen sich gerne an die Größe und Erfolge ihrer Vorfahren erinnern. Nichtsdestotrotz ist Ulan Bator als Stadt alleine aber keinen Besuch wert, für Reisende ist und bleibt es wahrscheinlich noch länger ein Ausgangspunkt für Touren in die Mongolei.

Die Mongolei liegt auf dem Backpacker-Highway zwischen Russland und China, was den Austausch im Hostel mit anderen Reisenden über die Reiseroute auf die Frage reduziert, in welcher Richtung man unterwegs ist. Überhaupt treffe ich hauptsächlich Langzeitreisende – wer entscheidet sich schon dazu, seinen Zweiwochenurlaub in der Mongolei zu verbringen? Es gibt eine lebhafte Hostelkultur; fast jedes Hostel ist auch Tourenagentur. Jeder, der in die Mongolei reist, kommt wegen der Natur und macht eine Tour. Die meisten Reisenden bleiben jedoch nur recht kurz und reisen dann bald weiter nach China oder Russland. In den Hostels tummeln sich vor allem Franzosen, einige Deutsche und Israelis. Da die Mongolei eines der wenigen Länder ist, in das Israelis ohne Visaprobleme einreisen können, finden viele von ihnen nach ihrem langen Militärdienst (Männer 3 Jahre, Frauen 2 Jahre) den Weg nach Ulan Bator und haben hier eine gute Zeit.

Auch wenn die Mongolen allgemein etwas höflicher als Russen sind, handelt es sich insgesamt doch um ein sehr zurückhaltendes und wenig kommunikatives Volk. Mongolen kommen mit wenigen Worten aus und scheinen nicht jenen „westlichen“ Drang zu verspüren, ständig kommunizieren zu müssen. Mongolen können auch mal schweigen. Das fällt mir besonders positiv beim Besuch von Märkten und Geschäften auf – niemand zuppelt einem am Ärmel, schreit einem die erstklassige Qualität seiner Waren ins Gesicht, und überhaupt ist es nie wirklich laut. Nur nachts ist es auf Ulan Bators Straßen manchmal etwas ungemütlich: zahlreiche Reisende berichten von Überfällen und Attacken von betrunkenen Männergruppen, von denen es nachts viele gibt. Ich selbst habe ich mich dennoch immer sicher und nie bedroht gefühlt.

Nervig ist der mongolische Hang zur reduzierten Kommunikation dann, wenn man Informationen braucht oder sich allgemein verständigen möchte. Irritierend ist dann auch der Klang der mongolischen Sprache, die viele Zisch- und Grunzlaute hat. Es fällt manchmal schwer, ein kurzes Grunzen nicht als abwertende Antwort zu verstehen, sondern dahinter eine bejahende oder verneinende Aussage zu erkennen. Als Ausländer wird man meist recht konsequent ignoriert – nur wenige interessierte Blicke, kein Tuscheln beim Vorbeigehen. Nicht mal die Kinder sind immer neugierig.

Ulan Bators Straßen sind für mich eine der größten Attraktionen der Stadt. Es scheint, als ob die Mongolen den Eintritt in das Automobil-Zeitalter erst vor Kurzem hinter sich gebracht haben: man muss sich ernsthaft überlegen, ob man die Straße wirklich überqueren will. Wer sich wagt, muss schnell sein und ständig auf der Hut vor den Autofahrern, die einen Fußgänger nicht als Grund zum Bremsen ansehen. Oft genug zeigt eine Fußgängerampel an einer Kreuzung grün, man läuft – und kommt nur zur Mitte, weil plötzlich auch die Autos grün haben und einfach drauf los fahren. Man steht dann auf der Straßenmitte und hofft, keinen Seitenspiegel abzubekommen. Man kann jedoch darauf hoffen, dass es sich wenigstens um den noblen Seitenspiegel eines Rolls-Royce, oder wenigstens eines teuren SUV handelt.

Die Mongolei boomt aufgrund der Ausbeutung von Bodenschätzen, was einer wachsenden Oberschicht enorme Einkünfte beschert, was sich in Form von teuren Autos, Markenkleidung und Restaurants nach westlichem Vorbild bemerkbar macht . Es wirkt einfach merkwürdig: DAS Land der Nomaden, der Jurten und unendlichen Weiten hat eine einzige große Stadt, in der sich der gesamte Reichtum konzentriert. Es passt in meinen Augen einfach nicht zusammen und ich frage mich, wie die Mongolei in wenigen Jahren aussehen wird. Schon jetzt gibt es an jeder Straßenecke eine Bank oder zumindest ein ATM.

Grund genug, eines Tages nach Ulan Bator zurückzukehren.

 

(Jeweils für das nächste Bild die Pfeiltasten benutzen!)

 

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