Auf dem E-Scooter um den Lugu See

Einige Busstunden von Lijiang entfernt liegt, nach unzähligen Serpentinen und spektakulären Aussichten auf bewaldete Hänge und die malerischen Bergdörfer, der Lugu See (泸沽湖,) auf der Grenze zwischen den Provinzen Yunnan und Sichuan wie ein großer blauer Tropfen inmitten der hügeligen Landschaft.

Ich bin mit dem Engländer Rik unterwegs, den ich am Abend zuvor im Hostel in Lijiang getroffen habe und dem ich mich spontan anschließe. Rik reist bereits seit mehr als zwei Monaten in China und hat bereits viel mehr gesehen, als ich – unter anderem den wilden Westen des Landes, der es aufgrund von Riks Fotos und Berichten weit nach oben auf meine Länder bucket list schafft.

Die Busfahrt zieht sich aufgrund der vielen Serpentinen in die Länge – bei der uns umgebenden Landschaft kann uns das aber nur recht sein.

Bergdörfer Lugu Lake 2

Wie schon so oft auf der Reise wünsche ich mir immer wieder, einfach anhalten zu können und Fotos zu schießen – die allerschönsten und inspirierendsten Orte muss ich einfach an mir vorbei ziehen lassen, ohne den Augenblick gut mit der Kamera einfangen zu können. An dieser Stelle kommt für mich wieder die Frage auf, welchen Wert die überwältigenden Anblicke und erlebten Situationen für mich persönlich haben, wenn ich sie nur in diesem einen Moment genießen kann. Mir fällt es leichter, die Intensität und Schönheit von Orten und Gesehenem zu verarbeiten und für mich selbst ertragbar zu machen, indem ich sie fotografiere. Irgendwie ist es immer ein gutes Gefühl, wenn man etwas von den Eindrücken im Bild einfangen kann, auch wenn die tatsächliche Magie auf diese Weise natürlich nicht annähernd wieder gegeben werden kann.Bergdörfer Lugu See

Diese Gedanken beschäftigen mich, während sich der Bus auf den engen Straßen weiter vorkämpft und ich froh bin, dass der Busfahrer immer wieder an bei Essständen und Toiletten anhält, um den Passagieren Erleichterung und vor allem den Bremsen Kühlung zu verschaffen. Mein Frage während der Fahrt, wie die Bremsen das unaufhörliche Bergab und Gebremse so anstandslos mitmachen, wird beantwortet, als der Fahrer den Wasserschlauch anschließt und die scheinbar glühenden Bremsbeläge gießt.

Bremsen Lugu Lake

Daneben sitzt eine Frau in eigenartiger, bunter und beeindruckender Kleidung – das erste Mal, dass ich in China bewusst eine Angehörige einer der vielen ethnischen Minderheiten zu Gesicht bekomme. Bislang war ich vor allem mit Han-Chinesen in Kontakt gekommen, aber es kann auch gut sein, dass ich die nicht-Han-Chinesen nicht als solche erkannt habe.

Mosuo Frau Lugu LakeMosuo Frau Lugu Lake2

Die Frau gehört vermutlich dem Volk der Mosuo an, die in der Gegend beheimatet sind und deren verbleibende Zahl auf gerade mal 40.000 geschätzt wird. Teilweise als Teil der vor allem in Lijiang lebenden Naxi gesehen, unterscheiden sich die Mosuo vor allem durch ihre matrilineare Gesellschaftsstruktur. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt ich ein interessantes Konzept: Zum Einen bildet eine Frau stets das bestimmende Familienoberhaupt und zum Anderen kennen die Mosuo keine Ehe nach westlicher Art. Stattdessen können Männer wie Frauen je nach Belieben mehrere Beziehungen parallel unterhalten, wobei von einer visiting marriage gesprochen werden kann – Paare leben also nicht miteinander, sondern der Mann besucht die Frau ganz einfach nachts und kehrt danach wieder in sein Haus zurück.

Aussicht Lugu Lake

Als wir endlich den See erreichen, sind wir trotz der schönen Eindrücke während der Fahrt froh, endlich da zu sein. Der den See umgebende Streifen flachen Grundes ist nur schmal, und so schmiegen sich die Dörfer eng an das Wasser. Wie so vieles in China wurden auch die uralten Fischerdörfer der Mosuo in den letzten Jahren von immer größeren (chinesischen) Tourismusmassen entdeckt. Entsprechend herausgeputzt sind die Hauptdörfer dann auch, was sich leider auch in gesalzenen Zimmerpreisen ausdrückt. Die Schönheit des Sees lässt aber einen Frust gar nicht erst aufkommen.Lige Island

Lugu Lake 1 Lugu Lake 2 Lugu Lake 3

Der innerchinesische Tourismus ist dabei, das Leben der jeweiligen örtlichen Bevölkerung stark zu verändern. Zum Einen müssen sich insbesondere die Minderheiten wie Tiere im Zoo vorkommen, jedoch bedeuten die Besucherströme auf der anderen Seite auch große Investitionen in die Infrastruktur und natürlich eine profitable und tendenziell immer größer werdende Einkommensquelle.

E-Scooter

Rik und ich tun uns mit zwei Chinesen zusammen und mieten uns, ganz chinesisch, Elektroroller. Laut Vermieter müsste der Strom für eine Seeumrundung locker ausreichen. Trau, schau, wem! Die Roller wiegen durch die schweren Batterien nicht gerade wenig, doch auch die Aussicht darauf, den Roller nach der Hälfte der Strecke schieben zu müssen, kann uns die Freude auf die Ausfahrt mit diesen tollen Spielzeugen nicht nehmen.

E-Scooter Lugu Lake

E-Scooter Lugu Lake

E-Scooter Lugu Lake (1)

Unterwegs finden wir idyllisch gelegene buddhistische Klöster und Stupas mit tausenden von bunten Gebetsfahnen.

Kloster und Stupas 1 Kloster und Stupas 2 Kloster und Stupas 3 Kloster und Stupas 4 Kloster und Stupas

Die Menschen, die wir in den Fischerdörfern treffen, gehen einem ruhigen Lebensrhythmus nach und genießen die warme Herbstsonne.

Relaxte Menschen 1 Relaxte Menschen 2

Überhaupt hat der See eine sehr beruhigende und entspannende Wirkung. Selten habe ich einen so friedlichen Ort erlebt.

See Eindrücke 1 See Eindrücke 2 See Eindrücke 3

In einem Ort treffen wir ein Kind mit seine Urgroßmutter, die beide nur eine der lokalen Sprachen, aber kein Mandarin sprechen.

Enkel Urgroßmutter 1 Enkel Urgroßmutter 2

Mit der Zeit machen wir uns nun doch Sorgen, ob die Akkus der Elektroroller noch genügen Saft für die komplette Seeumrundung haben. Sicherheitshalber hängen wir die Roller bei einem kleinen Restaurant für eine Stunde an die Steckdose und erkunden in der Zwischenzeit das kleine Städtchen und beobachten das Alltagsleben der Menschen.

Städtchen Lugu Lake 1 Städtchen Lugu Lake 2 Städtchen Lugu Lake 3 Städtchen Lugu Lake 4 Städtchen Lugu Lake 6

Auch auf dem letzten Stück der Strecke am See entlang ist es schwer, nicht ständig anzuhalten und Fotos zu machen. Wie gut, dass die meisten Touristen hier zu faul sind, um sich Roller zu mieten – so haben wir den See die  meiste Zeit für uns alleine. Eindrücke Lugu Lake 1 Eindrücke Lugu Lake 2 Eindrücke Lugu Lake 5

Nur einmal noch stoßen wir auf Touristen. Wie so oft in China sind die Touristen für mich die eigentlich Sehenswürdigkeit. Viele chinesische Touristen lieben den Kitsch und verkleiden sich gerne mit „traditioneller“ Kleidung für Fotos.

Eindrücke Lugu Lake 3 Eindrücke Lugu Lake 4

Das letzte Stück wird spannend – trotz Akkuladepause macht mein Roller plötzlich merklich schlapp und ich versuche dem Wind so wenig Fläche wie möglich zu bieten, um nicht ausgerechnet in den Bergen der letzten Etappe den Roller schieben zu müssen. Auf dem letzten Kilometer helfe ich wie damals auf dem Bobbycar mit den Füßen nach und erreiche maximal Schrittgeschwindigkeit. Aber ich komme an! Der Akku hätte keine weiteren 200m mehr mitgemacht. Glück gehabt.

Glück hatte aber dieser LKW-Fahrer scheinbar nicht.

Umgekippter LKW

 

Und hier noch einmal alle Bilder in der Galerie-Ansicht.

(Jeweils für das nächste Bild die Pfeiltasten benutzen!)

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