87 Stunden in der Transsibirischen Eisenbahn

Beim Betreten des Zugwaggons in der dritten Klasse der Transsibirischen Eisenbahn fühlt man sich wie in einer Berghütte – es ist eng und riecht leicht nach Holzfeuer, aber nicht unangenehm. Es ist eher gemütlich.

In der Transsib

Die meisten Russen hier können höchstens wenige Worte Englisch (und ich kann noch weniger Russisch), was zwar zu interessanten Kommunikationsversuchen mit Händen und Füßen führt, aber leider  auch so manche Kontaktversuche schnell im Sand verlaufen lässt. Dann entstehen immer wieder peinliche Gesprächspausen, weil man sich dem Gegenüber oft einfach nicht verständlich machen kann. Viele Russen lösen diese Situationen, in denen sie einfach auf Russisch weiter reden, auch wenn ich fast kein Wort verstehe.

Dennoch zerfließen die Stunden bald und man hat sich schnell an den Alltag im Zug gewöhnt. Abends rollt man seine Matraze auf der Pritsche aus und legt sich in seinen Klamotten schlafen, wacht kurz auf, wenn der Zug an einer Station für einige Minuten hält und schnappt  schnell etwas frische Luft, bevor man weiterschläft. Morgens zwängt man sich in die  Toilettenkapsel und macht eine kurze Katzenwäsche. Es folgen wieder Gespräche und immer wieder auch viele Verständnisprobleme auf beiden Seiten, verlegene Gesichter und, um diesen Situationen zu entkommen, Wanderungen durch den ellenlangen Zug.

Auf dem Weg durch den Zug passiert man die zweite Klasse, wo alles in etwas besserem Zustand ist und die Böden mit Teppich ausgelegt sind. Falls gewünscht, kann hier der zwischenmenschliche Kontakt durch Kabinentüren minimiert werden und man hat seine Ruhe. Es stehen viele deutsche Rentner im Gang und unterhalten sich über das Abenteuer Transsibirische Eisenbahn, welches für mich aber eigentlich gerade im Kontakt mit den Einheimischen besteht, den man aber nur in der dritten Klasse wirklich hat.

So ist denn auch der Speisewagen ist (abends) fest in deutscher Hand.

Mit meinem Pritschennachbarn habe ich leider weniger Glück. Er kommt aus der Ukraine, trägt Camouflage und liebt Wodka. Er nervt mich ständig, wenn er nicht gerade seinen Rausch ausschläft, mit seinem Erzählungen, die ich nicht verstehe und  lässt sich auch dann nicht davon abhalten, wenn ich mich demonstrativ mit Ohrstöpseln und Kindle zurückziehe. Er tippt mich dann einfach so lange an, bis ich reagiere.

Ab dem dritten Tag warten auf den Bahnsteigen endlich die lang ersehnten Babuschkas, wo man sich mit Nahrung eindecken kann. Ich hatte viel zu wenig Nahrungsmittel mitgenommen…

Die Landschaft draußen ist wie erwartet relativ eintönig und wenig abwechslungsreich, aber sehr schön und sehenswert. Die meisten Städte, die man vom Zug aus sieht, sind dagegen trist und wenig einladend. Ich bin froh, dass ich keine Zwischenstopps eingeplant habe und direkt von Moskau nach Irkutsk fahre.

Abends im Hostel schaukelt und rattert es noch lange weiter, und fast vermisse ich die eintönige, aber angenehme Zeit im Zug.

Und hier noch ein paar fun facts:

In Russland kann man Nichtraucher sein und Alkohol ablehnen, wenn man Sportler ist. Sportler genießen großen Respekt. Dabei bedeutet Sport vor allem Kraftübungen; junge russische Männer achten sehr auf eine muskuläre Figur.
Russen haben die unangenehme Eigenart, auf einen zu zeigen, wenn sie über einen reden.
Sonderbar: Uhren am Bahnhof zeigen Moskauer Zeit an. Dadurch ist es manchmal schon lange Nacht, wenn die Uhr erst 20 Uhr anzeigt.

4 Comments on “87 Stunden in der Transsibirischen Eisenbahn

  1. So wie es aussieht auf den Fotos, war es vielleicht derselbe Zug, der mich vor fast 40 Jahren mal von (damals) Leningrad nach Moskau gebracht hatte … 😉
    Freue mich schon auf Bilder vom Baikalsee.
    Weiter gute Reise!!!

  2. Hi Simon, hahaha das beste bild ist von deinem Pritschennachbarn! als ich das gesehen und gelesen habe konnte ich nicht mehr vor Lachen.
    Sind echt schöne Bilder dabei, freue mich schon auf mehr. Weiterhin viel Spaß und viele Grüße Toni

    • Ja, der war gleichzeitig das lustigste und das nervigste an der Zugreise… 😀

  3. Hey Simon,
    viele Grüße aus dem Sauerland. Hab heute Deine 2.Karte bekommen. Vielen, vielen Dank. Ich hoffe, es war nicht die letzte auf Deiner langen Reise.
    Du erlebst gerade ein richtig tolles und spannendes Abenteuer, fast so schön wie fliegen 😉
    Weiterhin gute Fahrt…………
    Der Peter

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